Müssen wir über ETFs reden?

Als ich mit diesem Blog startete, wusste ich gar nicht, dass es ETFs gibt, geschweige denn, was sie sind und was sie bedeuten. Seit 2014 las ich jedoch meinerseits viele andere kleine private Wirtschafts-, Aktien- und sonstige Anlage-Blogs und dort tauchte der Begriff natürlich immer wieder auf. Bei einigen Bloggern stellen ETFs sogar die einzige Anlage im Bereich Aktien dar, d.h. sie halten darüber hinaus keine Einzelaktien.

Der erste Blick auf ETFs - amtlich und geschlechtslos

In meiner ersten, noch oberflächlichen Wahrnehmung hatten ETFs immer etwas 'offizielles', fast 'amtliches' an sich. Ein Fonds, der gar nicht wie sonst gemanaged wird, sondern einfach nur blind einen bestimmten Index nachbildet. Eine geniale Idee von schlichter Eleganz und eigentlich nicht mehr verbesserungfähig.

Im Rahmen meiner Lektüre des Buches der ZEIT-Redakteurin Heike Buchter über den Finanz-Giganten Blackrock jedoch erfuhr ich immer mehr über ETFs, ihre Geschichte, Bedeutung und Hintergründe, sodass ich mittlerweile differenziertere Meinung zum Thema habe. Ich hoffe in diesem Zusammenhang sehr, dass ich mich nicht von den Einstellungen der Autorin beeinflussen ließ. Insgesamt möchte ich Frau Buchters Herangehensweise als 'sanfte grundsätzliche Kapitalismuskritik' vermischt mit einer Prise Staatsgläubigkeit bezeichnen. Am deutlichsten wurde dies beim Thema gesetzliche Rente plus bzw. statt privater Vorsorge. Buchter bemängelt, dass die Staaten vor dem Hintergrund des demographischen Wandels zu schnell den Ideen der Vermögensverwalter gefolgt seien, was die private Zusatz-Vorsorge zur staatlichen Rente angeht (also 401k, Riester etc.) anstatt "die nötigen Anpassungen" am staatlichen Rentensystem vorzunehmen. 
Nun, wenn ich die Diskussionen der letzten Jahre richtig verstanden habe, dann liefen diese "Anpassungen" darauf hinaus, dass viel mehr aus dem Steuertopf kommen müsste, die Rentenbeiträge für die noch arbeitenden Jungen immer weiter steigen würden oder was sonst!?
Die Fonds-Anbieter ihrerseits haben es über Jahre hinweg und weltweit verstanden, ihre Ansichten und Interessen in die Politik hineinzutragen und waren vielerorts sehr erfolgreich.

ETFs - gehören sie zur dunklen Seite der Finanzwelt? Bild:privat
 

Klassische Fonds und ETFs

Ein klassicher Aktienfonds wird durch eine Fondsgesellschaft emittiert und hat einen Fondsmanager plus Bürokratie. Es gibt Ausgabeaufschläge und jährliche Verwaltungsgebühren. Die meisten Manager schaffen es nicht (dauerhaft), den Markt bei der Performance zu schlagen. Wahlweise dürfen sie dabei gegen eine Horde Schimpansen oder Dartpfeil werfende Kleinkinder antreten, die oft ähnlich gute Erfolge an der Börse erzielen. Der Fonds kauft also Aktien in der Zusammensetzung, die der Manager für gut und richtig hält und (wichtig!!)  hat einen gewissen Cash-Anteil. 

ETFs im Schnelldurchgang
  • Sie sind börsengehandelt
  • Sie bilden üblicherweise einen Index nach
  • Sie gehören zu einem Sondervermögen, d.h. wenn der ETF-Anbieter pleite geht, ist das Geld der Anleger nicht weg
  • Sie zeichnen sich durch sehr geringe Ausgabe- bzw. laufende Gebühren aus
  • Sie folgen stur dem Index, was Performance und Zusammensetzung angeht
  • Sie halten keinen bzw. einen äußerst geringen Cash-Anteil      

Wenn alles gut läuft und es keine größeren Erschütterungen am Markt gibt, kommt es zu keinen Verwerfungen bzw. Problemen.

Im Crash zeigen sich die Unterschiede

Wie aber verhalten sich klassische Fonds und ETFs in einem Crash? Grundsätzlich wird natürlich auch der Manager eines klassischen Fonds im Crash verkaufen. Niemand möchte bekanntlich der letzte am Ausgang sein, wenn die Party vorbei ist. ABER: der Manager eines klassischen Fonds hat eben auch einen Cash-Anteil und kann nach eigenem Gusto in die fallenden Kurse hineinkaufen, wenn er es für richtig hält.

Und hier liegt der große Unterschied zum ETF. Der ETF MUSS dem Markt folgen. Wenn die Investoren ihre ETF-Anteile verkaufen wollen, dann muss der ETF-Anbieter das tun (und ihnen dafür wieder Cash geben). Er wird also - ob er will oder nicht - den Verkaufstrend verstärken. Es gibt keinen nennenswerte Cash-Anteil und auch kein Mandat, anders als der Markt bzw. der abgebildete Index zu handeln.

Und jetzt kommt - um bei meinem Beispiel zu bleiben - Blackrock ins Spiel bzw. die ETF-Tochter iShares. Die großen Vermögensverwalter (böse Zungen nennen sie auch Schattenbanken) sind nicht irgendwelche Klitschen. Sie verwalten unfassbare Mengen eingesammelten Geldes. Bis 2020 soll das Volumen der größten Anbieter zusammen gut 100 Billionen Dollar betragen. Solche Summen können jeden Crash verschärfen bzw. dazu führen, dass die Märkte zum erliegen kommen, denn zu jedem Handel gehören zwei Seiten und wenn die großen Player alle verkaufen (müssen), dann kann der Markt im schlimmsten Fall auch mal illiquid werden, wenn sich eben nicht mehr genügend Käufer finden.

Fazit und Fragen


Mein Fazit: ein ETF ist kein geschlechtsloser Index-Fonds. Er ist ein Anlageprodukt eines Vermögensverwalters. Es gibt diesen Spruch "Fonds werden verkauft, Aktien werden gekauft". Für ETFs gilt das oft nicht, denn sie werden oft ganz bewusst erworben, weil man sich der Mühe der Einzelauswahl von Aktien entziehen möchte, weil man sein Portfolio einfach und die Gebühren gering halten will. 

Es stellen sich jetzt aber einige Fragen.

Ist es nicht auch möglich, einen 'privaten ETF' zu generieren, indem man einen gewünschten Index hinreichend gut selber mit Einzelaktien nachbildet? Selbst viele ETFs tun das, indem sie längst nicht wirklich alle Aktien eines Index kaufen.

Verschärfe ich als ETF-Käufer die Risiken im Crash, verringere ich sie als 'Stock-Picker' und wenn es nur für mich persönich ist, indem ich im Crash selber entscheiden kann, ob ich dem Marktverlauf (noch) oder nicht mehr folgen will?

Ist mir bewusst, dass ich als ETF-Investor die Position der großen Vermögensverwalter immer weiter stärke? Oft sind sie bei Aktiengesellschaften Kunde und Inhaber in einem und es entstehen dauernd Interessenkonflikte, die von der Politik kaum mehr überschaut, geschweige denn geregelt werden können.  

Wohl gemerkt: es sind Fragen, die ich mir selber stelle. Ich habe keine Lösung und klage niemanden an. Es ist eher ein öffentlicher Lernprozess, den ich hier dokumentiere.

Dieser Blog-Eintrag stellt keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf einer Aktie dar. Sämtliche Prognosen und Wertungen basieren auf der persönlichen Meinung des Autors und sind keine Anlageberatung.

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