Mittelschicht im Hamsterrad - Buchvorstellung Gerald Hörhan: Investment Punk

Obwohl ich eher der Roman-Typ bin, schleicht sich gelegentlich ein Sachbuch in meine Bibliothek. Geschichtliches und Finanzen haben es mir hier besonders angetan. Investment Punk von Gerald Hörhan hatte mich schon länger gereizt, obwohl das Buch ja schon ein paar Jährchen auf dem Buckel hat (was man ihm teilweise anmerkt, aber mehr dazu später). Ich gestehe, dass mich der Untertitel “Warum ihr schuftet und wir reich werden” besonders neugierig machte.

Hörhan wurde 1975 in Österreich geboren und stammt aus eher kleinbürgerlichen Verhältnissen. Geschichten aus Kindheit und Jugend werden immer wieder mal in das Buch eingebracht. So provokant wie der Untertitel klingt, geht es auch im Buch weiter. Oft wendet sich Hörhan direkt an die Leser, die er dann als “ihr - die Mittelschicht” anspricht und ihr nichts gutes verheißt.

Vom etwas schnoddrigen Auftreten sollte man sich absolut nicht täuschen lassen. Obwohl er an Elite-Unis studierte und bei großen Investmentbanken arbeitete, sind seine Grundsätze sehr simpel und bodenständig und an einer Stelle des Buches schreibt er sinngemäß, dass man, um das zu erreichen, was er erreicht hat, eigentlich nur die Grundrechenarten und gesunden Menschenverstand braucht.

Lesen bildet. Auch in Sachen Finanzen!  Bild: privat

Die zwei Grundregeln nach Hörhan


Hörhan schwört auf zwei ganz einfache Regeln in der Welt des Geldes:


Erstens:
Du kannst nicht auf Dauer mehr Geld ausgeben, als du einnimmst.


Zweitens:
Schulden müssen irgendwann zurückgezahlt werden.
(gilt, wie wir mittlerweile wissen, NICHT für Staaten)


Diese Regeln begleiten den Leser durch das ganze Buch und werden an großen und kleinen Beispielen durchexerziert, was ich sehr spannend fand. So beschreibt er an mehreren Stellen Firmeninhaber von nicht ganz kleinen Unternehmen, die gegen diese Grundsätze verstießen. In seiner unverwechselbaren Art hat Hörhan ihnen dann als offizieller Berater oder auch als Freund auf die Sprünge geholfen, was auch manchmal durchaus weh getan haben dürfte, quasi: Lernen durch Schmerzen.


Opfer Mittelschicht


Spätestens seit der in Schwung kommenden Globalisierung und der sog. Finanzkrise von 2008 beschleunigt sich lt. Hörhan der Niedergang der Mittelschicht. Das lesen dieser Passagen bereitete mir hier und da Unbehagen, denn - seien wir ehrlich - die meisten von uns werden sich zur Mittelschicht zählen, weil sie weder zur Unter- noch zur Oberschicht gehören. Da meine Frau und ich aber einige der aufgeführten Fehler vermieden haben, hielt sich das Unbehagen schlußendlich in Grenzen.


Die falschen Ziele, die falschen Träume


Was nun macht die Mittelschicht falsch? Hörhan führt aus, dass der Grundfehler das Übernehmen von Träumen und Zielen ist, die Bekannte und Freunde mehrheitlich haben. Da wären zuvorderst der schicke Neuwagen und das schmucke Eigenheim. Hier werden - weil es halt alle tun - riesige finanzielle Mittel gebunden bzw. vernichtet. Ruckzuck ist man im Hamsterrad (eins seiner Lieblings-Bilder) gelandet und muss sein Leben lang für andere strampeln.


Hier komme ich zu einem Punkt, der mir nicht gefiel bzw. den ich nicht schlüssig fand: Hörhan spricht an verschiedenen Stellen vom sog. “System”, das uns in diese finanziellen Fallen lockt, so als gäbe es eine Art organisierte Verschwörung gegen die Mittelschicht. Ich glaube an solche Sachen eher nicht und selbst Hörhan schreibt an anderer Stelle, dass es ein Systemnicht gäbe und die Abläufe eher nicht linear bzw. chaotisch sind.


Der Punk als Lösung


Damit die ganzen Fallen und Irrwege vermieden werden, rät Hörhan also, sich wie ein Punk zu verhalten. NICHT mit der Herde laufen, NICHT tun, was alle tun. Schulden vermeiden, eher selbständig als angestellt arbeiten, eher zur Miete als im teuren Eigenheim wohnen, die Finanzen in die eigenen Hände nehmen. 
Bei den selbstverwalteten Finanzen merkt man dem Buch dann sein Alter an (erschienen 2010). Hörhan rät zu einer individuellen Strategie und warnt davor, sich den Märkten auszusetzen, ohne sie genau zu studieren und zu beobachten. Den Otto-Normalsparer dürfte das sehr entmutigen. Heute (2017) würde er vielleicht einfach sagen: bespart einen breiten internationalen ETF und alles wird gut.

Ich fand die Lektüre interessant, gerade weil das Buch provokant ist und man dauernd über das eigene Verhalten nachdenkt. Die meisten Sachen werden anekdotisch aus Geschichten heraus erzählt, die Hörhan widerfahren sind. Hier darf sich der Mittelschichtler dann sogar gelegentlich freuen oder Schadenfreude empfinden wenn er erkennt, dass auch zwei Etagen über ihm offenbar nur mit Wasser gekocht wird.

Das Buch ist übrigens ideal geeignet für die jüngere Leserschaft und wer weiß - vielleicht kann ich es dereinst meinen Töchtern schmackhaft machen. Es wäre eine lohnende Lektüre, BEVOR man die typischen Mittelschicht-Fehler begeht...

Gerald Hörhan
Investment Punk - Warum ihr schuftet und wir reich werden
190 Seiten, Taschenbuch
Ullstein Verlag
9,99 €




Hörbuch:
gelesen von Matthias Lühn
ABOD Verlag

Archiv Buchbesprechungen
Heike Buchter: Blackrock

Kommentare

  1. Bin echt am überlegen, mir mal eins von seinen Büchern zu holen. Auf Youtube gibt es ja auch diverse sehenswerte Videos von ihm (wie z.B. eins zu seiner ersten Mietimmobilie: siehe https://www.youtube.com/watch?v=FQsMDGgn9oY).

    Er hat es durchaus verstanden, trotz seiner eher unkonventionellen Art sein Publikum zu finden und auch dahingehend weiteres passives Einkommen zu generieren.

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen