Buchvorstellung - Markus Krall: Der Draghi-Crash

Mit dem Draghi-Crash stelle ich heute ein zwar nicht mehr ganz neues Buch vor, es gewann aber durch die erwartete neue Besetzung der EZB-Spitze mit Christine Lagarde wieder Aktualität und wurde sowieso immer wieder mal neu aufgelegt. Neben Hans Werner Sinn gehört Markus Krall zu meinen ausgemachten Lieblings-Ökonomen. Der berufliche Werdegang und die damit einhergehenden Kenntnisse aus der Banken- und sonstigen Finanzwelt sind beeindruckend und geben den Äußerungen in Kralls Buch ein besonderes Gewicht. Wie Sinn zeichnet sich Krall durch eine wohltuende Zurückhaltung und Abgeklärtheit aus. 

Mein Lieblingszitat von ihm lautet

"Ich glaube nicht an Verschwörungen, aber ich glaube an die Inkompetenz."


Die Marktwirtschaft und der Zins


In den ersten Kapiteln wird schnell klar, dass Krall ein Anhänger der Ökonomischen Schule nach Hayek ist, die man als ziemlich pure Marktwirtschaft bezeichnen könnte. Krall fordert immer wieder, die Märkte weitestgehend sich selbst und ihren eigenen Steuerungsmechanismen zu überlassen. Der Staat soll nur möglichst wenige sinnvolle Randbedingungen festlegen, um Exzesse und die Benachteiligung der Schwächsten zu verhindern. 

Als größte Sünde der letzten Jahre arbeitet Krall sehr klar die faktische Abschaffung des Zinses heraus. Das ist deshalb fatal, weil der Zins, also der Preis des Geldes, das wichtigste Lenkungssignal in einer funktionierenden Marktwirtschaft ist. Schafft man ihn ab ist es so, als schaltete man in einer belebten Fabrik das Licht aus. Der Zins zeigt Nachfrage und Risiken an und er sortiert ineffektive Unternehmen auf Dauer aus dem Wettbewerb aus. Die Wirkung des Zinses ist in überragender Weise effizient und transparent.

Nach der sog. Finanzkrise (die eigentlich eine nach wie vor andauernde Staatsschuldenkrise ist) wurde als Notfallmaßnahme der Zins durch die Notenbanken immer weiter abgesenkt - bis zum heutigen Zustand der real gewordenen Negativzinsen. Leider sind mittlerweile die meisten Staaten, Banken und viele Unternehmen auf den Nullzins angewiesen. Krall spricht hier von zehntausenden von "Zombieunternehmen", die es eigentlich längst nicht mehr geben dürfte, die aber durch den Nullzins künstlich am Leben gehalten werden. In einer Krise käme es zu einem sehr schnell "nachgeholten" Sterben dieser Firmen. Auch auf die von Hans Werner Sinn "entdeckten" Target 2 - Salden geht Krall ein und bezeichnet Deutschland in diesem Zusammenhang als den größten Hedgefonds der Welt, denn die Target 2 - Salden sind ökonomisch gesehen nichts anderes als eine riesige Wette auf den dauerhaften Fortbestand des Euro.

Wenn es brennt, wollen alle ganz schnell zum Ausgang!  Bild: privat


Sinnlose Stresstests


Ein weiteres großes Thema im Buch sind die sinnlosen, weil systematisch falschen Stresstests der Banken und die nachhaltig falsche Bewertung der (Kredit-)Risiken in den Bankbilanzen. Krall ist ein langjähriger intimer Kenner der Bankenwelt. Er beschreibt ebenso lakonisch wie erschreckend, wie nach der "Finanzkrise" eine Welle von letztendlich sinnlosen Regulierungen über die Banken hereinbrach. Die Basel II Vorgaben und jede Menge nachfolgende sinnlose  Compliance-Vorschriften (Krall berichtet von Insidern, die Volksbanken kennen, wo bereits 25% des Jahresgewinns für die Einhaltung von Vorschriften draufgehen). Bizarr: die EZB hat gar nicht genug qualifiziertes Personal, um all' die tausende Berichte der überwachten Banken zu lesen und geschweige denn fachlich richtig zu bewerten. Es handelt sich quasi um eine reine Beschäftigungstherapie im Elfenbeinturm der EZB.

Die Stresstests waren, so Krall, eine reine Schaufenster-Veranstaltung nach dem Motto "Seht her! Wir haben die Banken getestet und fast alle waren OK!". Da die Instrumente, die Annahmen und die Schlussfolgerungen falsch waren, waren die Stresstest in der durchgeführten Art sinnlos und ohne echte Aussagekraft. Die nach wie vor viel zu geringe Eigenkapitalquote fast aller Banken wurde einfach als ausreichend angenommen und in der nächsten Krise wird wohl schon alles gut gehen.

Die Bank verliert immer


Mit den Stresstests leitet Krall über zu den Banken. Geknebelt von der Compliance und bestraft durch den Nullzins erodiert ihr Geschäftsmodell nachhaltig und fortschreitend. Die Banken sitzen in mehreren Zwickmühlen:

Sie können wegen wegfallender Zinseinnahmen die Gebühren erhöhen aber dann kommen die neuen Onlinebanken und schnappen ihnen die letzten Kunden weg.

Sie können Personal abbauen und Filialen schließen aber dann kommen auch die neuen Onlinebanken und schnappen ihnen die letzten Kunden weg.

Kleiner Exkurs zu Volksbanken und Sparkassen

Wir wohnen auf dem Land. In den kleineren Städte, Dörfern und Ortschaften gibt es eigentlich nur Sparkassen und Volksbanken. In vielen Orten, wie dem unseren (ca. 8000 Einwohner) auch noch beides als echte Filialen. Der Niedergang ist trotzdem unübersehbar. Es kam in den letzten Jahren mehrfach zu lokal stark kritisierten Filialschließungen. Wenn die Anwohner Glück hatten, blieb zumindest ein Container mit Automaten übrig oder ein Bank-Bus wurde zur weiteren Versorgung eingesetzt. Auf der einen Seite ist der Grund die wegbrechende Kundschaft. Meine Mutter geht regelmäßig noch an den Schalter der Sparkasse, meine Frau und meine Kinder benutzen ausschließlich die Automaten im Vorraum, es sei denn, man will mal ein paar Pfund oder Dollar für den Urlaub bestellen. Die sonstige Ertragsschwäche der Banken durch den Nullzins sorgt dafür, dass man sich das bestehende Personaleigentlich nicht mehr leisten kann. Da Sparkassen und Volksbanken aber üblicherweise keine 'echten' Entlassungen vornehmen, geht man andere Wege, wie ich von einer Bekannten erfahren habe. Wer aussortiert werden soll, der wird dann halt für drei Monate oder noch länger in eine andere Filiale ausgeliehen. Die kann dann gerne mal 40 KM entfernt sein. Mal sehen, wie lange der oder diejenige das mitmachen... 

Ganz aktuell sieht man in diesen Tagen an der Deutschen Bank, wie sehr sich die Banken quälen. Die Not ist schon so groß, dass jetzt ganz offen ein (sehr teurer) Abbau von 18.000 Stellen sowie die Aufgabe des Investmentbankings bekanntgegeben werden. Es brennt lichterloh und man darf davon ausgehen, dass europaweit viele weitere Banken so und noch schlimmer leiden. Krall zeigt auf, dass es den Banken trotzdem (noch) ganz gut gelingt, diese Ertragssschwäche in den Bilanzen zu verbergen aber...

Der Crash wird kommen (aber wann?)


...nach der Theorie Kralls wird aus diesem Sektor heraus der nächste Crash kommen. Auch wenn die EU immer neue planwirtschaftliche Regelungen einführt, die Banken "reguliert", Anleihen in Billionenhöhe aufkauft - die Gesetze des Marktes lassen sich nicht ausschalten. Sie wirken unter der Oberfläche weiter, führen zu Blasen und Ungleichgewichten. Neben einem schwarzen Schwan (ein gänzlich unvorhersehbares negatives Ereignis) dürfte es nach Krall am ehesten z.B. irgendeine südeuropäische Bank sein, die den nächsten Crash auslöst. Wenn der dazugehörige südeuropäische Staat sie nicht retten kann oder darf, dann kann es einen sehr raschen und nicht kontrollierbaren Dominoeffekt geben.

In einem Video, das ich neulich sah, legte sich Krall für den Crash sogar fest auf 2020 oder spätestens das erste Quartal 2021. Das hat lt. Krall damit zu tun, dass ab 2020 einige der letzten noch ganz gut verzinsten langjährigen Staatsanleihen auslaufen, die die Banken noch in den Büchern haben und mit denen noch etwas Geld verdient werden kann. Im Buch selber wird kein konkreter Termin für den Crash genannt.

Was tun!? 


In den letzten, recht kurzen Kapiteln geht der Autor noch darauf ein, wie man sich für den Crash absichern kann und was man vielleicht sogar jetzt noch tun könnte, um ihn zumindest abzumildern oder sogar abzuwenden. Es kommen die üblichen Mittel zur Sprache: Gold, nicht-europäische Aktien, selbstgenutzes Wohneigentum usw. Krall zählt aber auch die jeweiligen Unsicherheiten auf, wie ein Verbot des Goldbesitzes durch den Staat oder Zwangs-Hypotheken auf Immobilien.

Zuguter letzt zählt Krall noch ein paar Maßnahmen auf, die - wenn die Politik sie schnell und beherzt ergriffe - den Crash zumindest abmildern könnte, vor allem für die todgeweihnten Banken. Hier will ich nicht zu viel verraten und glaube auch nicht, dass unsere Politiker diesen Ratschlägen folgen würden, denn dann müssten sie zuerst ihre bisherigen Fehler und Überheblichkeiten zugeben.

Meine Meinung zum Buch


Warum soll ich eigentlich einem Crash-Propheten Gehör schenken? Gerade gestern veröffentlichte der von mir sehr geschätzte Michael Schulte einen Artikel darüber, dass der Glaube an kommende Crashs für uns Investoren nichts bringt, denn Nicht-Investieren ist ja auch keine Lösung!

Ich empfehle das Buch trotzdem jedem ökonomisch interessierten, zumal es viel weniger alarmistisch daherkommt, als Cover und Titel vermuten lassen. Wer sehr wenig Finanzwissen hat, wird hier und da etwas nachschlagen oder googeln müssen, denn die grundsätzlichen Fachbegriffe wie "Anleihen" oder "Hypotheken" etc. werden nicht extra erklärt. 

Grundsätzlich ist das Buch aber für jeden interessierten Laien gut lesbar. Am meisten ins Detail geht Krall bei den Stresstests. Und zwar, um hier eindeutig zu belegen, dass sie sinnlos und fachlich falsch sind. Auch die verschiedenen Margen-Systeme der Banken werden recht genau erklärt. Trocken oder langweilig sind die Ausführungen Kralls aber nie, zumal er sie immer wieder mit Zitaten oder Anekdoten auflockert.

Am Ende steht man aber recht ernüchtert da angesichts der Aussichtslosigkeit, als Bürger und Kleinanleger der von oben angerichteten Misere zu entkommen. 

Ich möchte den Crash mit einem Feuer vergleichen, das in einem großen Saal ausbricht, in dem eine ausgelassene Party gefeiert wurde: wo möchte man sein, wenn es brennt? Am besten gar nicht im Raum (auswandern) oder man hat feuerfeste Sachen an und besitzt ein Atemgerät (Beamtenpension, größerer Besitz von Gold). Vielleicht ist es auch gut, nur auf einer Fensterbank zu sitzen, dann kriegt man zwar einige Brandblasen ab, verbrennt aber nicht ganz (Besitz von US-Aktien).

Wenn es also crasht - wo steht ihr!?

Markus Krall
Der Draghi-Crash
Finanzbuch Verlag
208 Seiten, gebunden
17,99 €

Frühere Buchvorstellung:

Heike Buchter: Blackrock - Eine heimliche Weltmacht greift nach unserem Geld

























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